Systemdynamik der Studierendenzahlen
Diskussionspapier zur Workshop-Begleitung · Stand: 21.02.2026
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1. Management Summary
Leitgedanke: Stabilisierung entsteht selten durch „mehr Zuwachs“ allein, sondern unbedingt auch durch das Senken
kritischer Abgänge in bestimmten Phasen (insbesondere in der Studieneingangsphase) und durch bessere Übergänge
(z. B. Bachelor → Master).
Die Entwicklung der Studierendenzahlen wird häufig über den Zuwachs erklärt. Die vorliegenden Auswertungen zeigen jedoch,
dass sich die Bestandsentwicklung mindestens ebenso aus inneren Systembewegungen ergibt: Exmatrikulationen (mit und ohne Abschluss),
Abschlüsse mit oder ohne Verbleib im System sowie die Verteilung dieser Bewegungen über den Studienverlauf.
Die Kombination aus einer systemischen Darstellung der Jahresbilanz (Sankey) und einer diagnostischen Vertiefung der Abgänge ohne Abschluss
(Abschlussgruppe × Fachsemester) erlaubt es, die Problemlage nicht nur zu beschreiben, sondern plausible Ansatzpunkte für Stabilisierung zu identifizieren.
2. Zweck dieser Seite und Rahmen für den Workshop
Diese Seite soll den Workshop rahmen und begleiten. Sie stellt zwei komplementäre Sichtweisen bereit:
- Systemische Perspektive: Wie entwickeln sich Studierendenzahlen als Zusammenspiel von Anfangsbestand, Zuwachs, Exmatrikulation und Abschlüssen?
- Diagnostische Perspektive: Wer verlässt die Universität ohne Abschluss – und in welchem Fachsemester?
Worum es im Workshop gehen sollte
- Diagnose: Welche Abgänge sind strukturell (Profil/Passung), welche sind vermeidbar (Unterstützung/Strukturen)?
- Priorisierung: Welche Kennzahl ist „führend“ – und welche ist „erklärend“?
Arbeitslogik: Systemische Kennzahlen beschreiben die Lage; diagnostische Kennzahlen lokalisieren die Ursachenräume und damit potenzielle Stellschrauben.
3. Problemlage: Mehr als ein Zuwachsproblem
Die bisherige Diskussion über die Studierendenzahlen war stark auf den Zuwachs fokussiert. Diese Perspektive ist relevant,
aber unvollständig. Studierendenzahlen entstehen als Ergebnis eines Flusssystems: Anfangsbestand, externer Zuwachs, Abgänge
(Exmatrikulationen) und Abschlüsse – einschließlich der Frage, welcher Anteil der Absolvent:innen im System verbleibt.
Die vorliegenden Darstellungen legen nahe, dass interne Verluste die Effekte des Zuwachses überlagern können.
Ein stabiler oder sogar hoher Zuwachs garantiert daher keine stabile Gesamtentwicklung, wenn gleichzeitig kritische Abgänge zunehmen
oder sich in frühen Phasen bündeln.
Kernaussage der Problemlage: Die Bestandsstabilität wird zu einem eigenständigen Steuerungsproblem – neben der Rekrutierung.
4. Abbildung 1 – Systemische Perspektive der Studierendenströme
Die Sankey-Darstellung visualisiert die vollständige Flusslogik eines Studienjahres. Sie zeigt Anfangsbestand, externen Zuwachs,
Abgänge (mit und ohne Abschluss) sowie den Endbestand. Ergänzend werden sechs zentrale Kennzahlen ausgewiesen. Darüber hinaus wird die
Abschlussstruktur differenziert: Exmatrikulation mit Abschluss vs. Verbleib nach Abschluss (z. B. Bachelor → Master).
Was diese Darstellung analytisch leistet
- Sie bildet die Jahresbilanz ab: Bestand Ende = Anfangsbestand + Zuwachs − Exmatrikulation gesamt.
- Sie macht sichtbar, in welchem Verhältnis Zuwachs und Abgang stehen.
- Sie trennt Abgänge ohne Abschluss von Abgängen mit Abschluss.
- Sie ergänzt den Output (Abschlüsse) um die Bindungsperspektive (Verbleib nach Abschluss).
Die Darstellung ist insbesondere geeignet, um strukturelle Brüche und Trendverschiebungen früh zu erkennen,
sofern die Indikatoren periodisch verfolgt werden.
5. Abbildung 2 – Diagnostische Perspektive: Abgänge ohne Abschluss
Die zweite Abbildung vertieft einen zentralen Verluststrom: Exmatrikulation ohne Abschluss. Sie differenziert die Abgänge nach
Abschlussgruppe und Fachsemester. Dadurch wird erkennbar, ob Abgänge eher in frühen Phasen (Studieneingangsphase) oder in späten Phasen auftreten
und welche Abschlussgruppen besonders betroffen sind.
Warum diese Differenzierung relevant ist
- Sie unterstützt die Trennung von Passungswechsel (profilbedingt) und vermeidbaren Verlusten (struktur-/unterstützungsbedingt).
- Sie lokalisiert „Hotspots“ im Studienverlauf (z. B. 1.–4. Fachsemester).
- Sie erlaubt eine priorisierte Auswahl von Ansatzpunkten (z. B. Eingangsphase in Bachelorstudiengängen).
6. Frühwarnsysteme und Indikatoren
Ein Stabilisierungskonzept profitiert von einem institutionellen Frühwarnsystem, das zwischen führenden (früh erkennbaren) und nachlaufenden
Indikatoren unterscheidet. Ziel ist nicht eine maximale Zahl an Kennzahlen, sondern ein kleines, belastbares Set, das regelmäßig berichtet und diskutiert wird.
Führende Indikatoren (frühe Signale)
- Abgang ohne Abschluss (absolut und Anteil) – zusätzlich nach Fachsemester gruppiert.
- Rückmeldequote insbesondere in den ersten beiden Semestern.
- Prüfungsaktivität (Teilnahme/Antritt) im 1.–2. Semester als Risikosignal.
- Statuswechsel (Beurlaubung, Teilzeit, Wechsel) als potenzieller Vorläufer späterer Abgänge.
Nachlaufende Indikatoren (Ergebnisgrößen)
- Nettoentwicklung (Zuwachs − Gesamt-Abgang).
- Abschlussvolumen (Abschlüsse gesamt).
- Verbleib nach Abschluss (Bindung/Übergänge im System).
Pragmatische Priorisierung: Wenn – zusätzlich zum Zuwachs – nur eine weitere Zahl dauerhaft „im Blick“ bleiben darf,
ist es Abgang ohne Abschluss in den ersten vier Fachsemestern, weil dort Interventionen am ehesten wirken.
7. Exemplarische Stellschrauben und Maßnahmen (Brainstorming)
Die folgenden Punkte sind als erste Ideensammlung zu verstehen. Sie dienen der Strukturierung möglicher Ansatzräume, nicht der Festlegung von Maßnahmen.
Studieneingangsphase (1.–4. Fachsemester)
- Stärkung von Studienorientierung und Erwartungsklärung (Einstieg, Beratung, Reflexionsformate).
- Peer-/Mentoringformate in großen Eingangsstudiengängen.
- Curriculare Entzerrung: Prüfungsdichte, Belastungsspitzen, Unterstützungsangebote.
- Frühe Lernstandsdiagnostik und begleitete Nachsteuerung in anspruchsvollen Grundlagenmodulen.
Übergänge (z. B. Bachelor → Master)
- Systematisches Übergangsmanagement (Informationspfade, klare Zugänge, Sichtbarkeit von Anschlussoptionen).
- Gezielte Ansprache potenzieller MA-Studierender (Bindung, Profilkommunikation).
- Analyse der Übergangsquoten und der Abbruchmuster im Übergang.
Steuerung und Governance
- Segmentierte Auswertungen (Fakultäten/Studiengänge) zur Lokalisierung von Hotspots.
- Verknüpfung von Maßnahmen mit Kennzahlen (Ziel, Zeitraum, Zielgruppe, Messpunkt).
- Regelmäßige Lagebesprechungen auf Leitungsebene auf Basis eines festen Berichtscockpits.
8. Nächste Schritte und Angebot eines konkreten Vorgehens
Ein strukturiertes Vorgehen kann in ein periodisches Berichtswesen überführt werden, das systemische Übersicht und diagnostische Tiefe verbindet.
Ein mögliches Format ist ein quartals- oder semesterweiser Rhythmus.
Vorschlag: Periodische Berichte und Analysen
- Semesterweiser Systemlagebericht (Sankey + 6 KPI + kurzer Kommentar zu Trendveränderungen).
- Frühwarn-Review (führende Indikatoren: Abgang ohne Abschluss in frühen Fachsemestern, Rückmeldequote, Prüfungsaktivität).
- Jährliche Diagnosetiefenbohrung (Abgänge ohne Abschluss nach Abschlussgruppe × Fachsemester; optional fakultäts-/studiengangsbezogen).
- Übergangsbericht (Abschlüsse, Verbleib nach Abschluss, Übergangsquoten BA→MA; perspektivisch mit personenbezogener Übergangsmatrix).
Zielbild: Ein gemeinsames Lageverständnis und eine stabile Kennzahlenlogik, die Priorisierung ermöglicht und Maßnahmen evaluierbar macht.
Abschließende Priorisierungsfrage
Die Betrachtung des Zuwachses bleibt erforderlich. Zusätzlich stellt sich die Priorisierungsfrage, welche ergänzende Kennzahl dauerhaft
als „führend“ etabliert wird. Die pragmatische Empfehlung lautet, die Aufmerksamkeit – neben dem Zuwachs – auf den
Abgang ohne Abschluss in den ersten vier Fachsemestern zu konzentrieren.